Meine Prosopagnosie - lange nicht erkannt


Oft wunderte ich mich, warum ich immer länger brauche, Leute zu erkennen, oder mir immer mal wieder jemand sagte, ",ich hab Dich neulich gesehen, aber Du mich nicht". Das häufte sich. Daß ich mir Namen bedeutend besser merken kann als gesichter, weußte ich schon lange, aber daß das eine Erkrankung ist, wofür ich nichts kann, erfuhr ich erst etwa im Alter von 50 Jahren, als ich begann, nach Erklärungen zu suchen.
Irgendwann stieß ich im Internet auf die Definition von Prosopagnosie. Ich recherchierte weiter und fand heraus, daß ich offensichtlich zu den Prosopagnostikern dazu gehöre.
 
Das erste Mal bewußt aufgefallen, daß ich Leute schlecht erkenne, war mir mit 19 in der Zeit der Abiturprüfungen: Ich lief mehrmals an Leuten vorbei, ohne mitzukriegen, daß das eigentlich Bekannte waren. Diese erzählten es mir hinterher. Ich entschuldigte mich und dachte, das liege an verstärkter Nervosität wegen Prüfungsstreß und machte mir zunächst keine weiteren Gedanken darüber.
Ähnliche Situationen folgten in den nächsten Jahren immer mal wieder. Je mehr Leute ich im Laufe der Zeit kennen lernte, um so häufiger ergaben sich solche Situationen. Manchmal beschwerten sich Leute bei mir, daß ich sie nicht erkannt hatte. Wie oft ich an jemandem vorbei gelaufen bin, ohne etwas davon mit zu kriegen, weiß ich nicht. Manchmal kam mir jemand bekannt vor, ich wußte aber beim besten Willen nicht, wer es war.
Mit etwa 40 Jahren gewöhnte ich mir an, wenn mich jemand groß anguckt und ich nicht weiß, wer es ist, vorsichtshalber Guten Tag oder Hallo zu sagen. Oft rätselte ich dann lange, wer das gewesen sein könnte. Wenn mein Gegenüber zurück grüßte, erkannte ich sie oder ihn oft an der Stimme.
Ich begann in dieser Zeit auch, Leute, mit denen ich häufiger zu tun hatte, darauf aufmerksam zu machen, daß ich mir Gesichter sehr schlecht merken kann und bat darum, wenn ich die jenigen nicht auf Anhieb erkenne, mich zuerst anzusprechen.
Nachdem ich dann herausgefunden hatte, daß ich Prosopagnostikerin bin, erklärte ich das noch mehr Freunden und Bekannten. Manche reagierten mit Verständnis, andere eher mit Unverständnis.
2015 ließ ich meine Prosopagnosie von einem Forscherteam in Jena feststellen und bestätigen.
Leider ist diese ansonsten harmlose Erkrankung nicht sonderlich bekannt, auch unter Ärzten nicht. Es ist für die Betroffenen nur sehr nervig, dauernd Leute nicht zu erkennen.
Diejenigen, die ich unbeabsichtigt nicht erkenne oder erkannt habe, halten mich möglicherweise für arrogant oder denken vielleicht sogar, ich will / wollte sie nicht erkennen. Nein! Das ist keine Absicht! Ich wünschte, ich würde mir Gesichter besser merken können.

 



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© Karin Vogler, Rudolstadt   zur Startseite   Impressum