Vignette Karin Vogler


 

Alte Stadtbrücke


 
Hab dich im Aufbau gesehen, noch als Kind.
Wurdest errichtet auf zwei alten Pfeilern und einem neuen.
Niemand dachte damals, daß man das mal wird bereuen
und du irgendwann verwehst fast wie im Wind.
 
Nur die beiden alten Pfeiler waren übrig geblieben
von der einst so stabilen steinernen Brücke über die Saale,
die die eignen Leute 1945 sprengten in ihrem Wahne,
so daß die Jahrhunderte alten Steine zu Staub verstieben.
 
Ein neuer Pfeiler aus Beton und neuem Stein ward 1964 dazu gegossen,
woran knapp 5 Jahrzehnte Wasser tagein, tagaus immer vorbeigeflossen.
Bei Hochwasser blieb manchmal Geröll und Unrat hängen an den Wänden,
die alten Pfeiler hielten stand, der neue aus schlechterm Material hatte keinen Bestand.
 
Wohl zu kurzsichtig gedacht, wie vieles zu DDR-Zeiten,
zwar damals TÜV-gerecht gemacht, aber zukunftssicher nicht bei weitem.
Falsches Material genommen, zwar nicht weggeschwommen,
aber auch nicht mehr reparabel und nun außer Betrieb genommen.
 
Alte Stadtbrücke, über dich ging ich zur Schule, zur Stadt, zum Bahnhof...
Du warst Zeichen zum Aufstehn im Zug, wenn ich vom Studium fuhr nach Hause,
denn genau von der gut sichtbaren Brücke bis zum D-Zug-Halt am Bahnhof
dauerte es, Gepäck zu nehmen, zur nächsten Zugtür zu gehen, um auszusteigen zu Hause.
 
Über dich fuhr ich später mit dem Auto zum Einkauf, in den Urlaub, zur Arbeit ...
Lange mußte man an den Schranken warten, oft waren Fußgänger und Radler schneller,
auf dir verbachten viele sehr viel Zeit, egal, ob das eigentliche Ziel nah oder weit.
Busse, LKWs und viele PKWs standen und rollten auf deiner Straße mehr oder weniger schneller.
 
Du warst lange die einzige direkte Fahrverbindung von Rudolstadt nach Cumbach.
Schon 10 Jahre nach deiner Fertigstellung gabís neue Pläne
für īne Überführung, aber über die Saale und Schranken querten an dieser Stelle nur Schwäne
und andre Vögel; die Gedanken zur neuen großen Brücke 1 km weiter östlich wurden erst viel später wieder wach.
 
Durch viel zu große Lasten und lange ungeprüftem Unterbau entstanden Risse und Spalten,
Tonnagebegrenzungen und Riesenumleitungen nach Cumbach waren die Folge.
Als 2004 die große neue Brücke kam, solltest du noch lange für Fußgänger und Radler halten,
doch nun, 2011 wurden zunächst deine Ränder gesperrt, damit niemand sie betreten sollte.
 
Neue Messungen ergaben, daß der Pfeiler aus den 1960er Jahren zu großen Schaden
nahm und nun kann nicht mehr bewahren seine Funktion, die Brücke zu tragen,
damit nicht plötzlich Leute gemeinsam mit dir unfreiwillig gehen baden,
mußte eine Behelfsersatzbrücke her, denn es war keine Zeit mehr zum Fragen.
 
Nun stehst du da, abgesperrt, ungenutzt, alt und krank.
Liebe alte Stadtbrücke habe nun an deinem frühen Ende vielen Dank
für die viele unvergessene Zeit mit dir.
Die Erinnerung bleibt, auch wenn eine neue Brücke folgt an dieser Stelle hier.
 

Juli 2011


 

Zitate nur nach Abstimmung mit mir!


 


 

Vignette aus Buch Meine erste Reise ... Karin Vogler


 
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